Arbeitslos in Deutschland

Nachdem sich dieser Blog anfänglich mit Arbeitslosigkeit in Österreich beschäftigt hat, geht es jetzt in den internationalen Vergleich: zunächst nach Deutschland. Angesichts der weltumspannenden dauerkrisenähnlichen Zustände könnte man glauben, dass es tendentiell allen etwas schlechter gehen würde. Die Arbeitslosenstatistik Deutschlands zeigt ein gänzlich anderes Bild. Zumindest auf den ersten Blick.

Arbeitslosenquote

Im November 2015 lag die deutsche Arbeitslosenrate bei 6%, hat sich damit um -3,1% verbessert im Vergleich zu November 2014. Ausgangsbasis dieser Zahl sind alle zivilen Erwerbspersonen. Was sind zivile Erwerbspersonen und gibt´s etwa noch eine weitere Arbeitslosenrate?

Beschäftigte, die sozialversicherungspflichtig sind, inklusive Auszubildende, geringfügig Beschäftigte, Personen in sogenannten „Arbeitsgelegenheiten“, Beamte (exkl. Soldaten) und Grenzpendler zählen zu den abhängig zivilen Erwerbstätigen. Zählt man dazu noch Selbstständige und mithelfende Familienangehörige, hat man die Basis aller zivilen Erwerbspersonen, über deren Nenner sich der Anteil der registrierten Arbeitslosen berechnet.

Einige Regelungen haben die Berechnung der Arbeitslosenrate über die letzten Jahre hinweg maßgeblich beeinflusst, wie z.B:

  • 53a Abs. 2, SGBII besagt, dass 58-Jährige, die über ein Jahr lang keinen Job finden, nicht (mehr) als arbeitslos gelten. Sie sind seitdem in der Kategorie der „Unterbeschäftigten“ wiederzufinden.
  • Nach §16 Abs. 2 SGB III tauchen Arbeitslose in Weiterbildung wie auch in Österreich nicht in der Arbeitslosenquote auf, sondern laufen unter „arbeitslos im weiteren Sinne“
  • Arbeitslose, die sich über private Vermittlungsagenturen betreuen lassen, fallen nach §45 SGB III als Teilnehmer an Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung auch nicht unter die herkömmliche Definition eines Arbeitslosen.
  • Demselben Paragraph zufolge sind Menschen, die aufgrund längerer Arbeitslosigkeit (6 Monate) in gemeinnützige Beschäftigungen gesteckt wurden, seit 2005 auch nicht mehr unter der Rubrik „Arbeitslose“ zu finden. „Arbeitsgelegenheiten in Form der Mehraufwandsvariante“ nennt sich das. Gemeint sind die so genannten „1 Euro Jobber“ mit Stundenlöhnen zwischen 1 und 2,50.- EUR als Aufwandsentschädigung

Die Bundesagentur für Arbeit unterscheidet also abgesehen von Arbeitslosigkeit noch das Konzept der Unterbeschäftigung: Abgesehen von oben genannten Ausnahmeregelungen, werden auch Kurzarbeit, Arbeitsgelegenheiten in der Entgeltvariante (Ehrenamt bzw. Bürgerarbeit, ähnlich der Mehraufwandsvariante), vorruhestandsähnliche Regelungen, geförderte Selbstständigkeit und Altersteilzeit, nicht in der Arbeitslosenquote von 6% erfasst. Im November bedeutet das nach vorläufigem Stand zusätzlich zu den herkömmlichen Arbeitslosen +849.011 unterbeschäftigte Menschen. Die vorläufige Unterbeschäftigungsquote (ohne Kurzarbeit) liegt bei 7,8%. Die Entwicklung dieser Kennzahl war über die letzten Monate hinweg allerdings auch rückläufig.

Darüber hinaus gibt es noch die Arbeitslosenquote in Bezug auf die abhängig zivilen Erwerbspersonen, die im November bei 6,7% lag.

Die Basis der Erwerbstätigen unterscheidet sich demnach von der Definition des Arbeitskräftepotentials in Österreich, wo Selbstständige und geringfügig Beschäftigte nicht inkludiert werden. Um die internationale Vergleichbarkeit wieder herzustellen: im Oktober lag die Arbeitslosenquote in Deutschland nach ILO-Standards bei 4,5% und somit immer noch am Spitzenplatz innerhalb Europas.

Arbeitslosengeld

Arbeitslosengeld kann man mindestens sechs Monate lang beziehen, je nach Alter und Beitragsmonaten auch für bis zu zwei Jahre. Voraussetzung dafür ist im Normalfall eine mindestens 12-monatige Beschäftigungsdauer versicherungspflichtiger Art innerhalb der letzten zwei Jahre.

Die Höhe des Leistungsanspruchs errechnet sich aus dem durchschnittlichen Bruttogehalt der letzten 12 Monate, das die Bemessungsgrundlage darstellt. Dabei spielt die Frage, ob man in den alten oder neuen Bundesländern beschäftigt war und in welcher Lohnsteuerklasse, auch eine Rolle. Ist man nicht verheiratet, fällt man beispielsweise in Lohnsteuerklasse I. Nach Abzug der Lohnsteuer, des Solidaritätszuschlages (für die neuen Bundesländer) und Sozialversicherung ergibt sich das Nettoentgelt. Von diesem werden 60% für das Arbeitslosengeld errechnet, 67%, wenn man Kinder hat.

Was die Höhe des Anspruchs betrifft, gibt es zwar wie in Österreich eine Obergrenze, diese fällt jedoch um einiges höher aus. Die Beitragsbemessungsgrenzen lagen 2015 bei 6.050.- EUR monatlich in den alten Bundesländern und Westberlin und 5.200.- EUR monatlich in den neuen Bundesländern inkl. Ostberlin. Das bedeutet, dass man in Lohnsteuerklasse I ohne Kinder höchstens bis zu 1.691,10 EUR (im Osten) oder 1.877,70 EUR (im Westen) im Monat an Arbeitslosengeld beziehen kann.

Im November gab es in Deutschland 747.975 Arbeitslosengeldbezieher. Die durchschnittliche Bezugshöhe lag im September (aktuellste Zahlen) bei 885 EUR im Monat, 50% bekamen weniger als 800 EUR. 12% erhalten 1.400 EUR oder mehr. Die durchschnittliche Bezugsdauer lag bei 139 Tagen.

Nach Ablauf der Ansprüche auf Arbeitslosengeld oder bei fehlenden Voraussetzungen für den Bezug desselbigen (zu niedriges Einkommen, zu kurze Beschäftigungsdauer, etc…) besteht die Möglichkeit auf Bezug des Arbeitslosengelds II, auch bekannter unter „Hartz IV“. Dieses zielt darauf ab, das Existenzminimum finanziell abzudecken, und stellt anders als die Versicherungsleistung Arbeitslosengeld I eine staatliche Sozialleistung dar. Dazu wird auch das dem Haushalt zur Verfügung stehende Vermögen berücksichtigt. Alleinstehende Erwachsene konnten lt. Hartz IV Regelsatz 2015 beispielsweise mit einer Grundsicherung von EUR 399.-/Monat rechnen.

Fazit: Was vielen kritischen Deutschen wohl schon bekannt war, wirft auch für Außenseiter die Frage auf, ob die Arbeitsmarktsituation in Deutschland wirklich so rosig ist, wie oftmals dargestellt. Zumindest nach Eurostat scheint das Land vergleichsweise allerdings immer noch sehr gut da zustehen. Wir werden weiter beobachten 😉

Ein kurioses Detail: Lt. Ergebnissen des Online-Rechners stünde mir in Deutschland bei gleichem Gehalt theoretisch Arbeitslosengeld in der Höhe von etwa 200 EUR monatlich weniger als nach Leistungsanspruch in Österreich zu.

 

 

 

 

Nützliche Links

Leitfaden für Arbeitslose

Online Rechner Arbeitslosengeld I

Statistisches Bundesamt

Eurostat

Arbeitslosigkeit vs. Unterbeschäftigung

Artikel aus der „Zeit“ –  (besonders spannend sind die Kommentare)

Beitragsbemessungsgrenzen: Sozialversicherungs-Rechengrößenverordnung 2015 oder im Bgbl

Statistiken zum Arbeitslosengeld

Hartz IV Regelsätze

Methodenbericht – Arbeitslosenstatistik: Erweiterung der Berichterstattung über Arbeitslosenquoten (2009)

Begriff der Arbeitslosigkeit in der Statistik unter SGB II und SGB III (2004)

Berechnung der Arbeitslosenquote und Revision der Bezugsgröße

Artikel: „Arbeitslosenstatistik ist geschönt“

2 Gedanken zu “Arbeitslos in Deutschland

  1. Einn sehr informativer Artikel mit ganz wichtigen Informationen. Das wird sicherlich einigen eine sehr große Hilfe sein, denn in diesem Bereich kommen ja doch immer wieder Fragen auf.

    • hi Thomas, willkommen und danke für die positive Kritik. Freut mich, wenn Leute die Beiträge informativ finden, auch wenn es eigentlich schade ist, wenn ein kleiner Privatblog diese Funktion wahrnimmt…

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