Arbeitslos in Portugal

Vom Norden Europas, Großbritannien geht es in den Süden, genauer gesagt in das südwestlichste Land Europas, Portugal. Die Arbeitslosigkeit Portugals war in den letzten Jahren ein medial vielbeachtetes Thema, da das Land neben einigen anderen am stärksten von ihr betroffen war, besonders in Hinsicht auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Aber wie sieht es heute aus?

Im Juni 2016 zählte das Instituto Nacional de Estatística („Nationale Statistikinstitut“) 568.800 Arbeitslose im Alter zwischen 15 und 74 Jahren. Dies entspricht einer Rate von 11,2%. Unter Männern lag die Arbeitslosenquote bei 10,9%, unter Frauen bei 11,5%. Eine aussagekräftigere Variable als das Geschlecht ist das Alter der erwerbstätigen Bevölkerung: von den 15-24-Jährigen waren 25,6% arbeitslos, im Gegensatz dazu standen 9,6% Arbeitslose unter den ab 25-Jährigen.

Die Betrachtung der Arbeitslosenstatistik über die letzten Jahre hinweg offenbart einen jährlich kontinuierlichen Anstieg der Arbeitslosenrate von 5% im Juni 2000 bis zu ihrem vorläufigen Höchststand seither auf 17,4% im Jänner 2013. Im Februar 2013 lag die Jugendarbeitslosigkeit sogar noch bei 42,5%. Von diesem Zeitraum an verbesserte sich die Arbeitslosigkeit der Gesamtbevölkerung wiederum jährlich auf den momentanen Stand. Portugal nimmt damit momentan den 6.-schlechtesten Platz innerhalb der EU ein.

Darüber hinaus gab es im 2.Quartal 2016 262.300 „inaktive“ Portugiesen, im Genaueren 239.300 zwar verfügbare, aber nicht arbeitsuchende und 23.000 arbeitsuchende, jedoch für den Arbeitsmarkt nicht unmittelbar verfügbare Menschen, die nicht in der Arbeitslosenstatistik erfasst werden.

Portugals Arbeitslosenstatistik orientiert sich in ihrer Berechnung an den ILO Definitionen, es gibt keine eigene nationale Berechnung. Es gilt also als arbeitslos, wer keiner bezahlten Arbeit nachgeht, aktiv auf Jobsuche ist und für den Arbeitsmarkt zur Verfügung steht.

Anspruch auf Arbeitslosengeld (subsídio de desemprego) haben am „AMS“ (centro de emprego) gemeldete Arbeitslose für zumindest 150 Tage, steigend mit dem Alter und darüber hinaus abhängig von der Anzahl der Beitragsmonate seit der letzten Arbeitslosenmeldung. Voraussetzung ist, dass das vertragliche Verhältnis mit dem Arbeitgeber unfreiwillig (!) beendet wurde und man beim „AMS“ gemeldet ist. Zudem muss man innerhalb der letzten zwei Jahre zumindest 360 Tage lang einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgegangen sein. Nicht dazu zählen jene Tage, die bereits einmal für eine vorhergehende Periode der Arbeitslosigkeit herangezogen wurden. Für einen kontinuierlichen Bezug des Arbeitslosengeldes muss sich der Arbeitslose alle zwei Wochen am „AMS“ blicken lassen.

Generell gilt, dass das Arbeitslosengeld 65% des Referenzgehaltes beträgt. Referenzgehalt ist die Summe jener der Sozialversicherung gemeldeten Gehälter der ersten zwölf der letzten vierzehn Monate vor Arbeitslosenmeldung. Abgesehen davon liegt es bei mindestens 419,22 EUR, jedoch maximal 1.048,05 EUR pro Monat. Nach 180 Tagen wird das Arbeitslosengeld um 10% reduziert, beträgt also höchstens 943,25 EUR monatlich.

Es besteht die Möglichkeit, sich das Arbeitslosengeld auf einmal auszahlen zu lassen, wenn der Antragsteller mit der Absicht auf eine Firmengründung einen Businessplan vorlegt.

Mithilfe eines Online-Simulationstools kann man seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld im Vorfeld kalkulieren.

Nach Ablauf des Anspruchs auf Arbeitslosengeld kann „Notstandshilfe“ (subsídio social de desemprego) bezogen werden. Allerdings muss dafür die so genannte „Ressourcenbedingung“ (condição de recursos) erfüllt sein, für die der Antragsteller weder Vermögenswerte über 100.612,80 EUR besitzen, noch einen Haushaltsangehörigen mit Einkommen von 335,38 EUR monatlich haben darf.

Die Auszahlung der „Notstandshilfe“ läuft nach zumindest 75 Tagen aus, sofern sie als Fortsetzung des Arbeitslosengeldes bezogen wurde. Alternativ dazu kann sie auch bei Nichterfüllung der Kriterien für den Bezug der Arbeitslosenhilfe direkt beantragt werden. In diesem Falle liegt die Bezugsdauer bei mindestens 150 Tagen, wiederum in Abhängigkeit von Alter und Beitragsmonaten.

Speziell an der Situation Portugals ist die Umsetzung von Maßnahmen, die im Zuge eines Memorandum of Understanding zwischen der „Troika“ und der portugiesischen Regierung im Mai 2011 beschlossen wurden. Seit Inkrafttreten der entsprechenden Dekrete gelten folglich einige neue Regeln, im Zuge derer unter anderem auch die vormals höhere Deckelung der Arbeitslosenhilfe von 1.257,66 EUR auf die momentan gültigen 1.048,05 EUR reduziert wurde.

220.873 Menschen haben im Juni 2016 Arbeitslosenleistungen in Anspruch genommen. Das entspricht einem Anteil von 40,3% an allen Arbeitslosen in diesem Monat. Im Juni 2010, also im gleichen Zeitraum noch vor Umsetzung der Sparmaßnahmen, lag dieser Anteil noch bei 52,6%. Im Juli 2016 lag die Anzahl der Arbeitslosengeldbezieher bei 218.190, allerdings liegen für diesen Monat noch keine neuen Zahlen zur Arbeitslosigkeit vor. Im Durchschnitt erhielt ein portugiesischer Arbeitslosenbezieher im Juli 2016 452,61 EUR monatlich, im Juli 2010 lag der mittlere Wert noch bei 468,60 EUR.

 

 

https://www.ine.pt/xportal/xmain?xpid=INE&xpgid=ine_indicadores&indOcorrCod=0007974&contexto=bd&selTab=tab2

https://www.ine.pt/xportal/xmain?xpid=INE&xpgid=ine_indicadores&indOcorrCod=0007982&contexto=bd&selTab=tab2

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/160142/umfrage/arbeitslosenquote-in-den-eu-laendern/

http://www.financaspessoais.pt/seguranca-social/simulador-de-subsidio-de-desemprego

http://www.seg-social.pt/subsidio-de-desemprego

http://www.jn.pt/economia/interior/portugal-tem-de-reduzir-prazo-do-subsidio-para-desempregados-mais-velhos-2687923.html

https://www.imf.org/external/np/loi/2011/prt/051711.pdf

http://www.seg-social.pt/estatisticas

https://juventude.gov.pt/Legislacao/Documents/Decreto-Lei_n.%C2%BA72-2010.pdf

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