Arbeitslosengeld in Österreich

Nachdem der vorherige Artikel sich mit einigen Zahlen zur aktuellen Arbeitslosenquote und verschiedenen Berechnungsmethoden beschäftigt hat (siehe Beitrag), möchte ich die folgenden Zeilen nun der finanziellen Situation Arbeitsloser widmen: dem Arbeitslosengeld in Österreich. Wer hat Anspruch auf wie viel und wie lange?

Ich selbst habe vor kurzem die Mitteilung über meinen sogenannten Leistungsanspruch bekommen. Für Neulinge in Behördensprache: das bedeutet, dass ich jetzt weiss, wie viel Geld mir als Arbeitslosenunterstützung zusteht. Und ich kann von zweierlei Glück sprechen: Einerseits komme ich mit dem Betrag locker über die Runden, andererseits habe ich aber auch meinen Lebensstandard seit Ausbildungszeiten nicht wesentlich angehoben. Hätte ich zum Beispiel ein Auto oder einen offenen Kredit, wäre die Situation schon wieder anders.

Arbeitslosengeld in Österreich – Voraussetzungen und Berechnung

Arbeitslosenhilfe ist als Versicherungsleistung von anderen Sozialleistungen zu unterscheiden. Sogenannter „Leistungsbezieher“ kann werden, wer innerhalb der letzten zwei Jahre zumindest ein Jahr lang einer arbeitslosenversicherungspflichtigen (uff) Beschäftigung nachgegangen ist. Für unter 25-Jährige gilt ein Minimum von einem halben Jahr versicherungspflichtiger Beschäftigung innerhalb des letzten Jahres. Hat man schon einmal zuvor Arbeitslosengeld bezogen, muss man im Vorjahr 28 Wochen lang in die Versicherung eingezahlt haben.

Grundsätzlich erhält man das Arbeitslosengeld 20 Wochen lang, bzw. 30 Wochen, wenn zumindest drei Jahre versicherungspflichtiger Beiträge vorliegen. Die Bezugsdauer kann sich bis auf ein Jahr verlängern in Abhängigkeit der geleisteten Versicherungsbeiträge. (Ab dem 41. Lebensjahr besteht die Möglichkeit auf 39 Wochen Arbeitslosengeld unter der Voraussetzung, dass in den letzten zehn Jahren sechs Jahre Beschäftigung vorliegt, bzw. auf ein Jahr Arbeitslosengeld ab dem 51. Lebensjahr, wenn in den letzten 15 Jahren zumindest neun Jahre gearbeitet wurde.)

Grundlage für die Berechnung des Arbeitslosengeldes ist das erzielte Nettoeinkommen des Vorjahres. Pech hat derjenige, der innerhalb der 1. Jahreshälfte Arbeitslosengeld beziehen möchte und im Vorjahr eine Gehaltserhöhung bekommen hat. Diese kommt nämlich nicht zum Tragen, da in diesem Falle die Berechnungsgrundlage das Durchschnittseinkommen des Vor-Vorjahres ist. Sollte keine dieser Grundlagen erfüllt sein, kann auf ein früheres Jahr Bezug genommen, oder können als letzte Lösung, die letzten sechs Monate herangezogen werden.

Generell werden 55% des Nettoeinkommens als Leistungsanspruch berechnet. 1Für besonders niedrige oder hohe Einkommen erhöht sich oder sinkt dieser Prozentsatz dementsprechend. Es besteht nämlich eine Höchstgrenze von EUR 48,3.- Tagsatz2, was einem monatlichen Arbeitslosengeldbezug von etwa EUR 1.450.- entspricht. Da im Gegensatz dazu ein Minimum an Arbeitslosengeld nicht vorgesehen ist, reicht bei einem geringen Grundgehalt unter Umständen die Arbeitslosenhilfe nicht aus, um sich über Wasser zu halten. Wer unter den Monatsbetrag von EUR 872,31.- (Ausgleichszulagenrichtsatz) fällt, erhält Ergänzungsbeiträge bis auf diese Höhe. Familienzuschläge fallen bei Bedarf auch an.1

Nach Ablauf der Arbeitslosenunterstützung rutscht man – nach Überprüfung des Bedarfs – in die sogenannte Notstandshilfe, welche im Normalfall 92% des Arbeitslosengeldes ausmacht. Diese kann man dann noch für höchstens ein Jahr beantragen.3 Sowohl Notstandshilfe- als auch Arbeitslosenhilfebezieher bilden die Gruppe der Leistungsbezieher am AMS. Für wen es keine Arbeitslosenunterstützung gibt, besteht noch die Möglichkeit der sogenannten „Bedarfsorientierten Mindestsicherung“, die höchstens EUR 827,83.- ausmacht4. Des Weiteren ist es dem Leistungsbezieher erlaubt, bis zur Geringfügigkeitsgrenze von EUR 405,98.- dazu zu verdienen ohne dass das Arbeitslosengeld gekürzt wird.5

Arbeitslosengeld in Österreich – Statistiken

Aus den oben ausgeführten Voraussetzungen ergibt sich, dass nicht alle registrierten Arbeitslosen auch Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe erhalten. Im Jahr 2014 waren im Durchschnitt 319.357 Arbeitslose gemeldet und 89% davon (also 285.031) Leistungsbezieher6. Im Übrigen hat sich von 1980 bis 2013 die Zahl der Leistungsbezieher von 41.350 auf 260.963 mehr als versechsfacht7.

Die durchschnittlichen Tagsätze lagen im Vorjahr bei EUR 29,4.- (ca. EUR 880.- monatlich) für Arbeitslosengeld und EUR 23,6.- (etwas über EUR 700.- monatlich) für die Notstandshilfe. Nachdem Durchschnittswerte allein nicht unbedingt aussagekräftig sind, sollte auch die Verteilung der Tagessätze betrachtet werden. Ein Viertel der Arbeitslosengeldbezieher musste mit einem Betrag von unter EUR 25.- täglich (etwa EUR 750.- monatlich) auskommen, etwa ein Viertel der Notstandshilfebezieher mit unter EUR 20.- (etwa EUR 600.- monatlich). Weniger als EUR 10.- pro Tag erhielten 2% bzw. 6,8% der Arbeitslosen- bzw. Notstandshilfebezieher, 6,6% aller Arbeitslosengeldbezieher einen Tagessatz von über EUR 45.- (EUR 1.350.- monatlich).6

Eine von der Arbeiterkammer Wien in Auftrag gegebene Studie aus dem Herbst 2013 gibt noch mehr Einblick in die finanziellen Konsequenzen aus Arbeitslosigkeit. Während das durchschnittliche Einkommen vor dem Jobverlust noch bei EUR 1.420.- netto lag, erlitten die befragten Arbeitslosen im Schnitt eine 44%ige (entspricht EUR 624.- weniger) finanzielle Einbuße.

Obwohl die Haushaltsausgaben während der Arbeitslosigkeit zum Teil erheblich gesenkt (ca. EUR 300-450.- monatlich) wurden, sagten 48% der Befragten aus, dass das ihnen während der Arbeitslosigkeit zur Verfügung stehende Einkommen für sie nicht ausreichend war. Besonders galt das für Alleinerziehende, Menschen mit Pflichtschulabschluss und Personen mit +3-Kinder-Haushalten. Aufgrund der großen Differenzen zwischen den Einkommen zu Erwerbs- und Arbeitslosenzeiten berichteten auch leitende Angestellte häufig davon, mit dem Geld nicht auszukommen.

Insgesamt 58% gaben an, über das Arbeitslosengeld oder die Notstandshilfe hinausgehende Sozialleistungen, wie bspw. Familienbeihilfe, zu beziehen, um die Lebenshaltungskosten zu decken. 11% der Studienteilnehmer gingen zu Arbeitslosenzeiten einer geringfügigen Beschäftigung nach. Einige der Studienteilnehmer (7%) beanspruchten bereits während der ersten Monate Arbeitslosigkeit zusätzlich die Bedarfsorientierte Mindestsicherung. Überhaupt keine finanzielle Unterstützung durch das AMS erhielten nach eigenen Angaben 8% der Befragten.8

Aber nun weg von den Zahlen hinein ins Leben: Welche Erfahrungen habt ihr persönlich gemacht und welche Beobachtungen in eurem Umfeld? Sind wir in Österreich generell gut abgesichert oder doch nicht so? Und wie sieht es eigentlich in anderen Ländern aus?

1 http://www.ams.at/service-arbeitsuchende/finanzielles/leistungen/arbeitslosengeld
2 http://ams.brz.gv.at/ams/alrech/
3 http://www.ams.at/service-arbeitsuchende/finanzielles/leistungen/notstandshilfe
4 http://www.sozialministerium.at/site/Soziales/Bedarfsorientierte_Mindestsicherung/Mindestsicherung_im_Ueberblick/
5 http://www.ams.at/_docs/900_information_zum_nebenverdienst_bei_leistungsbezug.pdf
6 http://www.ams.at/_docs/001_jb2014.pdf
7 http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/soziales/sozialleistungen_auf_bundesebene/arbeitslosenleistungen/index.html
8 http://media.arbeiterkammer.at/wien/PDF/studien/Existenzsicherung_bei_Arbeitslosigkeit_2014.pdf

3 Gedanken zu “Arbeitslosengeld in Österreich

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