Die Arbeitslosenstatistik Österreichs im Juli 2015

Vor kurzem wurde die Arbeitslosenstatistik Österreichs vom Juli  2015 veröffentlicht. Mit knapp 320.000 Arbeitslosen liegt die Arbeitslosenquote in diesem Monat bei 8,1%. Im Vergleich zum Vorjahr gibt es um +11,7% mehr Arbeitslose. Berücksichtigt man auch Schulungsteilnehmer, ergibt sich eine absolute Zahl an Arbeitslosen von knapp 377.0001, was eigentlich einer Arbeitslosenquote von 9,4% entspricht und einer Arbeitslosen-Zunahme von +7,2%.

Arbeitslose brauchen immer länger, um wieder eine Anstellung zu finden und die Zahl der Langzeitarbeitslosen, das heisst jener Menschen, die seit über einem Jahr auf Arbeitssuche sind, ist um 186% gestiegen1. Wenn man sich bestimmte Bevölkerungsgruppen (nach Alter, Nationalität, Bundesland, Bildungsabschluss, Wirtschaftszweig) ansieht, offenbaren sich große Unterschiede. Um es kurz überspitzt und vereinfacht zu formulieren: Ein 50-jähriger Diplombauingenieur nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft wird es besonders schwer haben, vor allem in Wien. In Vorarlberg hätte er bessere Chancen auf einen Job1. Oder noch besser wäre eine Umschulung auf die Berufssparte „Bote, Diener“, welche neben der Kategorie „Religion“ mit -5,5% als einzige rückläufige Arbeitslosenquoten zu verzeichnen hatte2.

Die Arbeitslosenstatistik Österreichs nach nationaler Methode

Die Arbeitslosenquote basiert auf der nationalen Berechnungsmethode3, welche die gemeldeten Arbeitslosen dem Arbeitskräftepotential gegenüberstellt. Letzteres wiederum setzt sich – abgesehen von diesen Arbeitslosen – nur aus jenen unselbstständig Erwerbstätigen zusammen, die beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger registriert sind, Selbstständige und geringfügig Beschäftigte sind also ausgenommen.

Aber wer gilt denn überhaupt als arbeitslos innerhalb dieser Statistik? Als arbeitslos zählt nur, wer erstens beim AMS (Arbeitsmarktservice) gemeldet ist und darüber hinaus auch unmittelbar für einen Arbeitsantritt zur Verfügung steht4. Menschen, die aufgrund von fehlenden Versicherungszeiten noch gar nicht im System registriert sind, wie beispielsweise jugendliche Lehrstellensuchende oder ehemalige Selbstständige, werden genauso wenig erfasst wie Pensionsantragsteller, Arbeitslose, die sich im Krankenstand oder besagten Schulungen befinden und solche, deren Arbeitslosengeldbezug gesperrt ist. Nicht zu sprechen von resignierten Arbeitslosen, die sich gar nicht mehr beim AMS melden.

Es stellt sich nun die Frage, wie hoch diese Dunkelziffer geschätzt werden soll. In einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 20105 wird das Verhältnis von den offiziellen Arbeitslosenzahlen zur nicht erfassten Arbeitslosigkeit auf +40% beziffert. Woher diese Schätzungen und deren zugrundeliegenden Annahmen stammen, wird leider nicht verraten.

Daten der Statistik Austria aus dem 1. Quartal 2015 geben weitere Hinweise: von den nicht-erwerbstätigen Personen in Österreich im Alter von 15-64 Jahren (insg. über 1,4 Mio.) sind zwar 98% nicht auf Arbeitssuche, aber fast ein Drittel (440.000 Menschen) wünschen sich grundsätzlich zu arbeiten. Von diesen nicht registrierten Personen wiederum sind knapp 38% (165.000) für einen sofortigen Arbeitsantritt verfügbar und bilden somit die sogenannte Stille Arbeitsmarktreserve6.

Die Arbeitslosenstatistik Österreichs nach internationalen Standards

Sieht man sich Österreich im EU-Vergleich an, vervollständigt sich das Bild über die gegenwärtige Entwicklung des Landes. Der Vergleichbarkeit wegen müssen nun jedoch die Statistiken der EUROSTAT herangezogen werden. Demnach lag die Arbeitslosigkeit in Österreich im Juni dieses Jahres bei 6,0%. (Anmerkung: die Juli-Zahlen stehen online noch nicht zur Verfügung). Von der einstigen Spitzenposition in Bezug auf die Beschäftigung innerhalb der EU ist es damit auf den 5. Platz zurückgefallen7. Zum Einen war Österreich über den Zeitraum des letzten Jahres hinweg unter jenen Ländern, die den größten Zuwachs an Arbeitslosen zu verzeichnen hatten. Zum Anderen gab es Länder, die sich im gleichen Zeitraum über einen Rückgang der Arbeitslosenquote freuen konnten.

Die Definition von Arbeitslosigkeit richtet sich in diesem Fall nach der ILO (International Labour Organisation) und umfasst jene Menschen, die dem Arbeitsmarkt sofort zur Verfügung stehen und die aktiv nach Arbeit suchen. Wer in der Referenzwoche einer bezahlten Beschäftigung von 1h nachgegangen ist, gilt nicht als arbeitslos8. Die Berechnungsbasis enthält also hier sowohl geringfügig Beschäftigte als auch Selbstständige. Kurz gesagt: der Nenner im Quotient wird größer und die Arbeitslosenquote somit niedriger als nach nationaler Berechnung.

Die Statistik beruht auf eigenen Angaben einer vorab ausgewählten Stichprobe und inkludiert so gesehen nicht nur registrierte Arbeitslose. Die zugrundeliegenden Haushaltsbefragungen werden monatlich durch die Statistik Austria durchgeführt, deren Ergebnisse hochgerechnet und von EUROSTAT ausgewertet. Der potentiellen Verzerrung der Quote durch eventuelle Besonderheiten des österreichischen Arbeitsmarktes, wie beispielsweise der hohe Anteil von Pendlern aus dem Ausland und der starken Saisonalität aufgrund des Tourismus, wurde vor wenigen Monaten durch eine abgeänderte Erhebungsmethode versuchsweise entgegengewirkt. Daraufhin wurden sämtliche Arbeitslosenstatistiken von 2014 bis 2004 rückwirkend nach oben korrigiert, im Durchschnitt um 0,6%9. Beispielsweise ergibt sich so anstatt der ursprünglich veröffentlichten 5,0% Arbeitslosenquote für das Jahr 2014 eine revidierte Quote von 5,6%. Typische Probleme von Befragungen wie unvollständige Antworten, missinterpretierte Fragen, schlechte Erreichbarkeit der Stichprobe etc. bleiben weiterhin bestehen.

Anders als bei der Gesamtarbeitslosigkeit ist die Jugendarbeitslosenquote laut EUROSTAT im Vergleich zur AMS Statistik tendenziell höher10. Der Grund dafür liegt in der Erfassung derjenigen, die noch keine Beiträge in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben, über die Haushaltserhebungen.

In Anbetracht dieser unterschiedlichen Definitionen erkennt man zumindest ansatzweise, dass es gar nicht so einfach ist, die Zahlen „richtig zu lesen“. Darüber hinaus müssten auch mögliche Saisonalbereinigungen, sowie die Entwicklung der Stellenmärkte ebenfalls berücksichtigt werden, das Analysepotential scheint endlos und Spezialisten vorbehalten. Daher möchte ich an dieser Stelle nicht tiefer in Details gehen, sondern mich im nächsten Artikel mit der finanziellen Situation Arbeitsloser beschäftigen.

1 http://www.ams.at/_docs/001_uebersicht_0715.pdf
2 http://iambweb.ams.or.at/ambweb/
3 http://www.ams.at/ueber-ams/medien/arbeitsmarktdaten/fachbegriffe#Arbeitslosenquoten
4 http://www.ams.at/ueber-ams/medien/arbeitsmarktdaten/fachbegriffe#Arbeitslose_Personen
5 http://derstandard.at/1269448688483/Reaktionen-Laut-Gruenen-Dunkelziffer-bei-500000
6 http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/arbeitsmarkt/arbeitslose_arbeitssuchende/arbeitswunsch_stille_reserve/index.html
7 http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/File:Unemployment_rates,_seasonally_adjusted,_June_2015.png
8 http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/arbeitsmarkt/arbeitslose_arbeitssuchende/index.html
9 https://www.ihs.ac.at/fileadmin/public/media_corner/user_upload/Unterschaetzte_Arbeitslosigkeit_Kurier_200315.pdf
10 http://fm4.orf.at/stories/1640610/

4 Gedanken zu “Die Arbeitslosenstatistik Österreichs im Juli 2015

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