Bewerbung bei der Elite

Endlich!

Endlich ein Angebot, das zwar nicht perfekt ist, aber immerhin fachlich spannend und entwicklungsmäßig sehr zukunftsträchtig. Nach einem Monat regelmäßigster Verhandlungen und Austausches steht man endlich vor dem Eintritt in eines der angesehensten Ministerien eines mitteleuropäischen Staates, das nach Bekunden des dort sitzenden Staatssekretärs die „Elite der Ministerien“ darstellt. Mit der Möglichkeit sich zu entwickeln, sich in andere Bereiche einzuarbeiten und auch noch in das Ausland zu reisen, und das regelmäßig! Und man verhandelt nicht mit irgendwem, sondern mit dem (Fast-) Chef! Und man ist sich sympathisch und hat schon Ideen für Projekte! Es gibt nicht genügend „!“ auf dieser Tastatur um die Freude zu beschreiben.

Gut, die Bezahlung mit ca. 1000€ Netto im Monat ist nicht der wirkliche Jackpot, aber die Position und der Inhalt, Abteilungsleiter und direkter Ansprechpartner zweier bedeutender internationalen Organisationen, gleicht alles wieder aus. Auch ist diese, meine (!), Abteilung nicht irgendeine. Es ist eine direkt dem Chef unterstellte! Also kurze Wege, direkte Verbindung bis ganz nach oben, mehr vom Sonnenschein als irgendwo in der normalen Welt der normalen Abteilungen mit all den normalen Abteilungsleitern. Also doch irgendwie ein Jackpot. Und ich habe den Gewinnschein in der Hand mit den sechs richtigen. Und es geht nächsten Montag los. Heute ist schon Donnerstag!

Donnerstag Abend, in einem fernen Land, als kleiner Abgesang auf die vorherige Karriere noch ein letztes Mal ein bisschen Abenteuer in einem Arbeitsfeld, das wahrlich nicht das Wahre ist, aber das immerhin noch immer daran glaubt… Aber das ist eine andere Geschichte…

Eine Email aus der (Elite)HR Abteilung trudelt ein. Bitte um die Zusendung der angehängten Formulare. Es sind 5. Gut es ist ein Ministerium und somit wiederholen sich die Inhalte fünfmal. Aber, was sein muss, muss sein. Namen und Familienstand bekommt man noch hin, jedoch bei der Steuernummer und der Sozialversicherungsnummer wird man gebremst im Formularfetisch. Habe ich ja alles noch gar nicht. Habe ja noch nie in diesem Land gelebt oder gearbeitet. Das muss aber klärbar sein. Freitag, schon am Flughafen Richtung Heimat: Die Dame von der HR versteht das Problem und wir einigen uns: Nächste Woche, also in meiner ersten Arbeitswoche, solle ich die Nummern von den Behörden einholen. Sobald ich alles habe, solle ich mich melden. Abgemacht! Meine Fragen nach Gehalt, Arbeitszeit und Urlaub werden umgehend beantwortet. Jedoch keine Angaben über den Vertrag, auch kein Muster. Aber es ist ja auch kein normaler Vertrag, sondern eine Ernennung!(!!)

Zwar noch nie einen Job angetreten ohne Vertrag, aber ich muss ja sowieso zuerst die Unterlagen einsammeln. Also keinen Stress.

Nächste Woche, Montag, DER Montag: Die Nummern sind beantragt, dauern aber noch. Die Sozialversicherungsnummer ist aber irgendwo am Ende der Welt. Und grundsätzlich mit kurzen Öffnungszeiten. Ebenso können nicht alle „one-stop-shops“ der Verwaltung alles. Also klappert man eines nach dem anderen ab. Man wird auch schon mal an Stellen verwiesen, die selbst gar nicht wussten, daß sie die jeweiligen Anliegen erledigen müssen. Spaß. Nur Obelix fehlt neben mir. Oder Asterix.

Dienstag: Steuernummer bekommen! Personalausweis (auch notwendig) beantragt! Sozialversicherungsnummer noch immer nicht…

Email von Sekretariat des Chefs: er würde gerne mit mir reden, ob es mir am Mittwoch passen würde? Nona. Jederzeit in jedweder Form!

Mittwoch: Kein Anruf, dafür Wohnsitzkarte erhalten! Meine Nachfrage über den Anruf bleibt unbeantwortet.

Donnerstag: Email vom Sekretariat: es ist was dazwischen gekommen. Sehr dringend und unvorhersehbar. Eine Verkündung von jährlichen Entwicklungsberichten. Jährlicher Bericht. Nicht vorhersehbar? Ich biete an: persönlich vorbeizukommen, aber natürlich auch gerne per Telefon. Keine Reaktion.

Freitag: Sozialversicherungs-time! Aber: das braucht einen Stempel vom Arbeitgeber, sonst gibt’s keine Nummer! Formular geht an die HR mit der Bitte mir diesen schnellst möglich zukommen zu lassen. Sonst alle Nummern etc. vollständig. Was kommt jetzt? Keine Antwort. Auch keine aus dem Sekretariat.

WE: nichts. Gar nichts. Aber das hätte ja auch an ein Wunder gegrenzt.

Montag, eine Woche nach DEM Montag: Stand der Dinge: Ich habe alle Unterlagen, die ich haben kann. Habe leider noch keinen Vertrag oder ein Muster gesehen. Auch hat mir noch immer niemand mitgeteilt, wann und wo ich sein soll, um meinen noch nicht vertraglich festgelegten Posten anzutreten. Denn in so ein Elite-Ministerium spaziert man nicht einfach so rein und sagt: „Hallo! Ich bin der neue Super-Abteilungsleiter! Man führe mich zu meinem Büro mit Panoramablick!“ Also warten. Bis Mittag.

Email aus dem Sekretariat: Offizieller, gestempelter, mit Dokumentennummer versehener Brief vom Chef persönlich, als Scan. Wo bin ich? Warum bin ich nicht hier? Was soll das mit den Dokumenten? Das geht alles an einem Tag! An einem Schalter! Er akzeptiere meine komischen Fragen, die er persönlich aus der Kommunikation mit der HR gezogen hat, nicht und sehe nicht ein was das soll. Aus, sonst nichts.

O.K. Was nu?

Anruf beim Sekretariat: Was zum Geier??? Ich will das mal erklärt haben. Der nicht-mehr-ganz-so-tolle-neue Chef wird gefragt, ob er mit mir reden kann am Telefon. Nein, aber morgen. Ich erkläre der Sekretärin, was die Lage ist und was ich alles mit der HR abgemacht habe. Sie versteht, verweist auf morgen.

Dienstag: kein Anruf. Also Anruf bei der HR: Was zum Geier? Man wisse von nichts, aber den Brief hat man gelesen und so alles angehalten. Meine Frage nach der Möglichkeit einer Tätigkeit oder selbst des Betretens des Gebäudes ohne Vertrag wird verneint. Ebenso die Frage, ob ich ohne Sozialversicherungsnummer einen Vertrag bekommen kann.

Mittwoch: natürlich kommt kein Anruf, auch keine Email oder sonst was. Also, nur um zu zeigen, daß man nicht ganz der Doofe ist: Ein ebenso offizieller Brief mit den Klarstellungen. Inhalt: Ich habe bis heute keinen Arbeitsort noch den Beginn meiner Arbeitszeit genannt bekommen. Ich habe keinen Vertrag, nicht mal als Muster. Ich habe alle benötigten Unterlagen, aber diese zu besorgen dauert halt länger als die Regierungs-Werbung vermuten läßt. Ohne Vertrag keine Tätigkeit, keine Versicherung, und ohne Sozialversicherungsnummer kein Vertrag und diese hängt vom Ministerium ab, da sie stempeln müssen. Und die Fragen nach Gehalt, Urlaub und Arbeitszeiten sind nicht ganz so provokativ, wie der Elitestaatsekretär empfindet, zumal alles ja sofort beantwortet wurde.

Und so wartet er noch heute…

Die Moral von der Geschicht: Bei der Elite bewirb dich nicht!

1 Gedanke zu “Bewerbung bei der Elite

  1. Hi Kork, wie aufregend, mein erster Co-Author! :)) Aber arge Geschichte, die Frechheit kennt wohl keine Grenzen. Hört sich übrigens stark nach Alibivorwand an von diesem Staatssekretär…

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