Das Resumé eines Bewerbungsmarathons: 140-13-2

Es gab eine Zeit, die ich fast ein Jahr lang intensiv der Suche nach einem Job widmete, in der ich einen wahrhaftigen Bewerbungsmarathon absolvierte. Man könnte beinahe von einer neuen Leidenschaft sprechen, wie sonst hätte ich mich einer Aufgabe dermaßen exklusiv widmen können? Ok, ich gebe zu: in den berühmten „Flow“ bin ich irgendwie trotzdem nie gekommen.

Wahrscheinlich wäre daher die Bezeichnung Vollzeitjob treffender, denn ohne Übertreibung handelte es sich um eine Beschäftigung mit allen Begleiterscheinungen eines „typischen“ Arbeitsplatzes: stundenlang regungslos vor dem Computer sitzend und auf einen Bildschirm starrend, Popo- und Rückenschmerzen inklusive.

Ich nahm es aber auch wirklich ernst. Mein Bedürfnis war, etwas Sinnstiftendes zu tun, nicht nur irgendeinen Job in jeder x-beliebigen Branche. Dazu musste ich mir natürlich in erster Linie einmal selbst im Klaren darüber werden, welche Organisationen dabei für mich in Frage kommen würden. Die Recherche nach diesen Organisationen nahm dann schon einmal einen guten Teil der Zeit in Anspruch. Im Fokus standen für mich internationale Organisationen und NGOs („was mit Entwicklungshilfe“).

„Du bist die Einzige für mich!“

Das Verfassen der Anschreiben war jedoch noch viel aufwendiger. Das lag bestimmt auch an meinem Anspruch, dass jede Firma sich individuell angesprochen fühlen sollte. Dazu studierte ich sämtliche Websites minutiös: Produktbereiche, Industrieanwendungen, die Namen der Geschäftsführung und des rekrutierenden Personals, das erwünschte Verfahren für Bewerbungen. Sogar mission statements, Werte und gesellschaftliche Engagements der Unternehmen waren Teil meiner Recherchen. Man möchte ja wissen, worin sich die Organisationskulturen voneinander unterscheiden.

Nach einigen Monaten zeitraubender Spezialbehandlungen entwickelte sich automatisch ein „Modularsystem“ in meinen Bewerbungsschreiben. Dieses erlaubte mir, bestimmte Passagen eines Anschreibens 1:1 wiederzuverwenden und nur mehr wenige Paragraphen individuell an die jeweilige Organisation anpassen zu müssen. Vielleicht stand unbewusst das Gefühl dahinter, dass das gewünschte Jobangebot nur über eine Erhöhung der statistischen Wahrscheinlichkeit der Trefferquote zu erreichen sein würde. Trotz allem war ich noch lange kein Freund von Standardanschreiben und schaffte daher an guten Tagen auch nur höchstens drei bis vier Bewerbungen.

Nächstenliebe

Immerhin hatte ich die Ehre, bei einigen renommierten Organisationen Audienz zu erhalten, sogar bis in die letzte Bewerbungsrunde. Im Nachhinein betrachtet hatte ich als „Quereinsteigerin“ oder manchmal auch Ausländerin bei diesen Ausschreibungen nie eine reelle Chance, zu sehr wich mein Profil vom klassischen Lebenslauf ab. Die Tatsache, dass ich trotzdem eingeladen wurde, muss wohl daran liegen, dass ich die Vorgaben irgendwelcher Minderheitenstandards erfüllt haben muss und so als Quotenfrau zumindest für den einen Tag des Auswahlverfahrens in der Illusion einer ernsthaften Chance auch ein bisschen Glanz dieser Organisationen abbekommen durfte.

Nach etwa sechs Monaten war die Frustration groß, die Perspektiven „etwas zu erreichen“ stark vernebelt. Es musste also ein Strategiewechsel her in meinem Bewerbungsverhalten. Ich bewarb mich von nun an verstärkt bei international tätigen privatwirtschaftlichen Unternehmen in Österreich, die in vergleichbaren Bereichen operierten wie die zuvor erwähnten Internationalen Organisationen. Vermutlich da ich Arbeitserfahrung in der Privatwirtschaft vorweisen konnte, begann sich plötzlich die Situation spürbar zu verbessern und ich wurde endlich zu Vorstellungsterminen richtiger Jobs eingeladen.

Zwei dieser Bewerbungsprozesse endeten tatsächlich in Jobangeboten. Damit hatte ich nach zermürbenden 140 Bewerbungen, in welchen ich doch tatsächlich bei jeder einzelnen individuelle Motivationsgründe dargelegt und von etwa der Hälfte zumindest eine Absage als Zeichen der Aufmerksamkeit bekommen hatte, 13 Vorstellungsgesprächen, eeeendlosen zehn Monaten später und einigen Millimetern Bandscheiben weniger den unglaublichen Luxus, wählen zu können. Endlich war ich glücklicherweise auf jemanden gestoßen, der über den Tellerrand schaute. Und konnte so meinen Vollzeitjob beim AMS kündigen.

Also 140-13-2 – wer kann mehr bieten? J Wie ergeht bzw. ist es euch auf eurer Job-Odyssee ergangen? Vor allem jene unter Euch, deren Arbeitssuche ebenfalls zu einem Langzeitprojekt verkommen ist, haben vielleicht die gleichen „Strategien“ entwickelt wie ich – dann lasst uns gemeinsam als Jobconsultants reich werden. Für jene, die kurzfristig mal arbeitslos waren, wie habt ihr euch selbst aus dem Sumpf gezogen?

2 Gedanken zu “Das Resumé eines Bewerbungsmarathons: 140-13-2

  1. Hi milano, willkommen! 🙂 und danke für deinen ausführlichen und offenen Beitrag. Zu deinen Fragen erstmal: ich war damals 29 Jahre alt, hatte gerade ein Zweitstudium abgeschlossen nach einiger Zeit im Berufsleben und durch die lange Jobsuche eigentlich auch aus der Arbeitslosigkeit heraus den Quereinstieg gesucht. Im Prinzip habe ich es damals insofern nicht geschafft, als ich in meinem Wunschbereich (auch Entwicklungszusammenarbeit) keinen Job gefunden habe, meine Vorerfahrung war absolut privatwirtschaftlich konzentriert. Geht man nach meinem Erststudium aus einem wieder ganz anderen Bereich (sozialwissenschaftlich), ist mir immerhin ein Quereinstieg in den kaufmännischen Bereich einer privatwirtschaftlichen Firma gelungen, deren Produkt bzw. Service in einer ähnlichen Liga gespielt hat. Das ganze ist 5 Jahre her.
    Nun zu meiner Ersteinschätzung deiner Situation: Du bist „alt“ mit 37, einerseits keine offensichtliche Erfahrung in deinem Wunschbereich, bist gleichzeitig aber auch nicht mehr formbar. Hast keinen roten Faden in deiner bisherigen Karriere (darüber habe ich auch schon in einem anderen Artikel geschrieben), deine Ziele sind einem potentiellen Arbeitgeber nicht klar.
    Daher mein Tipp: arbeite aus deiner kaufmännischen Erfahrung von früher sämtliche Bereiche heraus, die es auch im Umweltmanagement oder ökologischen Landbau gibt. Auch dort wird abgerechnet, mit Kunden Kontakt gepflegt, Marketing gemacht, etc… Dann versuch, dich auf genauso eine Stelle zu bewerben, auch wenn es noch nicht der Traumjob ist. Von dort kannst du dich immer noch weiter“entwickeln“. Aber sich gleichzeitig in einer neuen Branche und einer neuen Funktion zu versuchen, ist einfach zu viel auf einmal. Kleine Schritte sind angesagt. Und vor allem, Kopf hoch und Durchhaltevermögen zeigen!

  2. Hallo brand-new,

    sehr interessanter Artikel! Ich befinde mich gerade in einer ähnlichen Situation, weshalb mich brennend interessieren würde: wie alt Du bei Deinem Quereinstieg warst? Wie lange das her ist? Aus welchem beruflichen Feld Du gewechselt bist?
    Ich selbst werde nächsten Monat 37 Jahre alt und habe erst eine kaufmännische Ausbildung absolviert, Arbeitserfahrung gesammelt, dann leider sehr lange „was mit Medien“ studiert, ganz viel nebenbei gemacht und schließlich eine Weiterbildung im Bereich Umweltprojektmanagement abgeschlossen. Meine letzte Station war ein Praktikum im ökologischen Landbau. Im Gegensatz zu Dir wage ich den Quereinstieg aus der Arbeitslosigkeit heraus. Ich will in den Bereich Umwelt/Nachhaltigkeit im nicht allzu weiten Sinne und: es ist zum Heulen. Ich wähle die Stellenangebote auf die ich mich bewerbe sorgfältig aus, um keine Ressourcen zu verschwenden. Denke mir halt, dass es nichts bringt sich wahllos auf alles zu bewerben, was nach Nachhaltigkeit klingt. So schaffe ich nicht viele Bewerbungen in Woche. Ich lebe in Deutschland und schaue auch nach Stellen in der Entwicklungszusammenarbeit. Habe aber wenig Hoffnung hier überhaupt eine Chance zu haben.
    Bisher wurde ich zu zwei Vorstellungsgesprächen eingeladen. Wovon eins am gestrigen Freitag den 13. abgesagt wurde. Bei dem anderen Job habe ich 1. Gespräch, Aufgabe meistern können und wurde dann nach dem 2. Gespräch abgelehnt.
    Mir schlägt die Arbeitslosigkeit, Hartz IV, aber insbesondere die Jobsuche sehr auf das Gemüt. Positiv zu bleiben, fällt mir schwer. Insbesondere da meine jüngeren Freundinnen, die alle Ende Zwanzig sind, nicht solche Probleme haben. Gut die Voraussetzungen sind unterschiedlich. Aber eine hatte sehr großes Glück und bekam eine sehr gut bezahlte Teilzeitstelle im Bereich Windenergie. Es ist doof, das zugeben zu müssen, aber ich bin neidisch. Sie hat nur wenig Bewerbungen geschrieben und hat sich kaum vorbereitet auf das Vorstellungsgespräch und trotzdem hat es geklappt.
    Wenn ich mir überlege, welchen Aufwand ich für Bewerbung und Vorbereitungen treffe. Naja, lange rede kurzer Sinn. Ich möchte einfach nur wissen, woran es liegen könnte…
    Wie schätzt Du den Berufseinstieg mit Mitte/Ende dreißig ein? Kann es an meinem Zick Zack Lebenslauf liegen? Zu wenig Berufserfahrung in der Branche in die ich den Quereinstieg wagen möchte? Oder liegt es daran, dass meine letzten Arbeitserfahrungen während des Studiums waren und schon etwas länger her sind?

    Ich wünschte jemand würde mir sagen, was ich falsch mache und mir die branschenspezifischen Geheimnisse verraten. Nur damit ich weiß, dass es nicht falsch war diesen Schritt zu sinnstiftender Arbeit gemacht zu haben.

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