Der rote Faden im Lebenslauf – ein Erfordernis der Wirtschaft gegen die menschliche Natur?

Immer wieder hört man von ihm, egal, ob man handwerklich interessiert ist, oder mit Nähen und Stricken eigentlich gar nichts am Hut hat: Der Rote Faden. Wie oft habe ich schon erklären müssen, wo er in meinem Lebenslauf steckt, dieser blöde Faden. Der Rote Faden ist das Must Have eines jeden Arbeitnehmers. Könnte man sämtliche Erwartungen des Arbeitsmarktes an dich zusammenfassen, wäre es wahrscheinlich er.

Wikipedia liefert als Definition für ihn „eine Spur, einen Weg oder auch eine Richtlinie.“ Synonyme des Roten Fadens sind demnach Ausdrücke wie, „Leitmotiv“ oder „Grundgedanke“. Wendet man diese Definition des Roten Fadens nun auf seinen beruflichen Werdegang an, folgt daraus, dass die im eigenen Lebenslauf aufgelisteten Erfahrungen zueinander passen und aufeinander aufbauen sollen. Er steht also für Konsistenz und Zielstrebigkeit.

 

und auch Konsistenz… und Konsistenz… und Konsistenz…

 

Warum wollen Arbeitgeber immer diesen Roten Faden sehen? Er scheint ihnen zu versichern, dass ihr Gegenüber ein bisschen Ahnung hat von dem, was sie brauchen. Oder glauben zu brauchen. Aber wie realistisch ist das eigentlich?

Am Allerliebsten hätten sie es, wenn du bereits im Kindergarten mit einschlägigem Spielzeug für deine zukünftigen Aufgaben trainiert hast. Dein erstes Wort war idealerweise „Effizienz“ oder „Produktivität“. Spätestens jedoch in deiner Jugend solltest du zumindest eine Idee davon haben, was du „später einmal machen“ möchtest. Dazu absolvierst du am besten in deinen Schulferien ein Ferialpraktikum in deinem Wunschbereich. Mit 15-18 Jahren bist du dann ausgereift genug, um dich für eine Ausbildung zu entscheiden, die dir das theoretische oder praktische Fachwissen dazu mit gibt und die Weichen für dein restliches Leben stellt. Parallel dazu hast du währenddessen in den verschiedensten Firmen und Branchen, aber immer im selben Bereich Erfahrungen gesammelt. Oder immer in derselben Branche, dafür in ein paar unterschiedlichen Positionen. Glückwunsch, du bist nun ein Experte.

Unser Bildungssystem nicht jedoch nicht darauf ausgelegt, uns möglichst früh Orientierung zu verschaffen. Es wird nicht der Überblick ermöglicht, der notwendig wäre, sich aller Optionen für seinen späteren beruflichen Werdegang bewusst zu werden und weitblickend zu planen. Darüber hinaus werden weichenstellende Entscheidungen von Kindern und Jugendlichen verlangt zu Zeitpunkten, an denen sie selbst unter optimalen Bedingungen noch gar nicht „alles ausprobiert“ haben können.

Solltest du zu dieser seltsamen Spezies gehören, die in fast allem, was diese Welt so zu bieten hat, Faszination sehen und sich damit beschäftigen wollen, hast du auch schlechte Karten. Politik, Naturwissenschaften, gesellschaftliche Phänomene, Wirtschaft, Handwerk, Technik, Sprachen. Die Welt hat so viele spannende Bereiche zu bieten und du sollst dich hauptsächlich auf einen konzentrieren? Wenn du es schaffst, deine Augen vor der Welt zu verschließen oder dich zwischen Mitternacht und 6h in der Früh auszuleben, wirst du dich vor Jobangeboten wahrscheinlich kaum retten können.

Genauso wie Menschen entwickeln oder ändern sich Interessen jedoch über die Zeit hinweg. Kurz gesagt, ein „stimmiger Aufbau“ von Karrierestationen geht vollkommen an der menschlichen Natur vorbei.

Oder ist doch nicht alles so schlimm für die Paradiesvögel des Arbeitsmarktes? Angeblich ist nun immer mehr der „bunte Faden“ gefragt. Und immerhin wird in jedem zweiten Bewerbungsgespräch ja auch immer wieder betont, wie sehr Leute gebraucht werden, die „über den Tellerrand hinausschauen“ können. Dass diese (Firmen-)Teller aber ziemlich flach sind, also definitiv keine Suppenteller, sagt dir aber niemand dazu. Die wenigsten Personaler und Führungskräfte sind willig oder fähig, von einem nahezu schon systematisch eingetrichterten Schema F abzusehen. Zudem ist die Kluft auch zwischen einschlägiger Ausbildung und Praxis oftmals so groß, dass damit die Einarbeitungszeit Ausmaße annimmt, die fast schon jener einer fachfremden Person entsprechen würden.

Insofern wird der Rote Faden im Gegensatz zu Lernfähigkeiten, Interesse und Neugier zumeist weit überschätzt. Gerade Menschen mit „Zick-Zack Lebensläufen“ sollte es leicht fallen, die so oft propagierte Flexibilität und Innovationsfähigkeit mitzubringen. Das Auseinanderklaffen von Anspruch und Realität sowie unser Bildungssystem sind jedoch schon wieder andere Themen…

Aber vielleicht hat ja jemand von euch überwiegend Erfahrungen mit Arbeitgebern gemacht, die von 08/15 Lebensläufen absehen und Quereinsteigern gegenüber offen sind? Nicht so schüchtern, bitte 😉

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