Selbstpromotion über LinkedIn und ähnliche Jobportale

Maximilian Mustermann ist Anfang-Mitte 20. Er hat ein LinkedIn Profil, in dem er sämtliche seiner competences und achievements eingetragen hat. Und davon hat er eine Menge! Eigentlich dürfte ich ihn gar nicht Maximilian Mustermann nennen, denn Max ist definitiv überdurchschnittlich. Er ist Power-Max.

LinkedIn, das Jobportal mit der größten Dichte an eierlegenden Wollmilchsäuen, das die Welt je gesehen hat. Endlich hat der Arbeitsmarkt einen Pool, aus dem er schöpfen kann, was er schon so lange gesucht hat. Fachlich und persönlich erfahrene Universitätsabgänger, die Strategy können, Branchenkenntnisse haben und Führungsqualitäten besitzen. Entrepreneurship als Fach gehabt zu haben, reicht aus, um unternehmerisch zu denken und change und conflict manager sind wir sowieso alle von Haus aus. Wer demütig vor seiner Unwissenheit ist, bleibt über. Scham ist definitiv fehl am Platz.

LinkedIn ist damit praktisch das Facebook für Karriereaspiranten. Anstatt bearbeitete Fotos von sich in allen möglichen Posen hochzuladen, photoshopt man als einer von über 300 Mio Usern dort seine scheinbar intellektuellen Leistungen zu Topmodelmaßen. Einige LinkedIn members sind derart motiviert, dass man minutenlang scrollen muss, um an das Ende ihres Profils zu gelangen. So viele Fähigkeiten haben die. Aber es geht auch andersrum. In der Hoffnung auf eine freiwillige Gegenleistung werden einander wild x-beliebige Kenntnisse bezeugt, die man selbst, wenn es hoch kommt, gerade einmal richtig schreiben kann. Besonders beliebt scheint das Posten oder „Liken“ von tiefsinnigen Karrieresprüchen inspirierender Führungspersönlichkeiten oder bekannter Consultingfirmen. Und dies möglichst viel und möglichst oft, man muss sich ja aus der Masse herausheben. Um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen lässt man sich sogar dazu herab, Abhandlungen über die Vor- und Nachteile einer Erwähnung der eigenen Mittelschule auf seinem CV zu verfassen.

LinkedIn lässt auch keine Gelegenheit aus, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Benachrichtigungen, wer dein Profil angesehen hat, wer einen neuen Job hat, Vorschläge, wem du zum Firmenjubiläum gratulieren könntest. Vermeintliches Interesse an deinen Qualifikationen („Die Firmen X, Y und Z suchen Kandidaten wie Sie) soll dich vor allzu langer Abstinenz von der Plattform abhalten. Bezeichnungen wie „Experte“ oder der ultimative „Superstar“ für die höchste Stufe in der Aussagekraft des Profils wollen uns dazu bringen, noch mehr Daten über uns zur Verfügung zu stellen. Es könnte ja unser Traumunternehmen bei seiner Onlinerecherche nach dem perfekten Kandidaten auf unsere einzigartigen Fähigkeiten und Erfahrungen aufmerksam werden.

Kennt ihr diesen Moment auf LinkedIn, in dem ihr euch innerlich entscheiden musstet, ob ihr Teil der Schafherde sein wollt oder nicht? Dieser Beitrag steht für eine Rückkehr zu mehr Demut und mehr Transparenz. Das würde uns auf der einen Seite diese sich selbst exponentiell beschleunigende Selbstpromotion ersparen und auf der anderen Seite Arbeitgeber dazu zwingen, wieder Menschen einzustellen und keine Tiere.

Und ja: auch ich habe einen account.

2 Gedanken zu “Selbstpromotion über LinkedIn und ähnliche Jobportale

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