Wie es um Diversity in Diversity-Jobs steht

In Anlehnung an den Beitrag über Diversity von Kork hier ein weiteres Highlight zum Thema Vielfältigkeit, wie sie in der Personalauswahl gelebt wird, eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 2011:

Du stehst vor einer der renommiertesten internationalen Organisationen, die aufgrund ihrer naturwissenschaftlichen Errungenschaften alle Menschen in Ehrfurcht erstarren lässt, und hast dort gleich ein Jobinterview.

„Graduate Fellowship Position / Diversity Studies“

Ultimatives Ziel des Diversity Departments ist „to develop and implement a policy that will promote awareness and adherence to diversity, one of the established values of the Organisation“ und dies im Falle der ausgeschriebenen Stelle „through researching and bench-marking best practice related to the promotion of workforce diversity“.

Na gut, was konkret man da macht, ist jetzt vielleicht nicht so klar geworden, aber das ist ja angesichts der dahintersteckenden Organisation fast schon wieder egal. Du bist hier immerhin nicht nur inmitten der Schweizer Berge, sondern auch unter einem Haufen kluger Köpfe aus aller Herren Länder, die mehr Wert auf fachlichen Austausch als auf ihr äußeres Erscheinungsbild legen, wie die vielen karierten Hemden und Jeans vermuten lassen. Wer würde hier nicht gerne arbeiten wollen?

Der Weg bis nach Genf war allerdings gar nicht so einfach und damit ist nicht die Anfahrt gemeint. Die Jobausschreibung über deine ehemalige Uni erhalten mit Hinweis auf eine Ansprechperson an der dortigen Partneruni, diese kontaktiert und Tipps für die anstehende Bewerbung geholt. Dich dann daran gemacht, deine Motivation in einem Bewerbungsschreiben zum Ausdruck zu bringen und dazu noch die drei (!) verlangten Empfehlungsschreiben aufgetrieben. Zu guter Letzt dir noch Anschiss von der Administratorin deines aktuellen Masterstudiums geholt, weil du aufgrund des Auswahlverfahrens einen Prüfungstermin nicht wahrnehmen und daher erst zum zweiten Termin antreten kannst. (wenn man erwachsen ist, muss man nämlich seine terminlichen Pflichten erfüllen lernen.)

Trotz des Enthusiasmus bist du natürlich skeptisch, es wäre wirklich zu schön, um wahr zu sein. Aber überraschenderweise bekommst du eine Einladung zu einem Online-Interview. Wobei Interview vielleicht nicht das richtige Wort ist: Du sprichst 20 Minuten lang in deine Webcamera, antwortest möglichst auf Englisch und Französisch auf eingeblendete Fragen. Es ist gewöhnungsbedürftig so ganz ohne Feedback eines Gesprächspartners und mit Zeitvorgaben. Du stellst dich dabei subjektiv so blöd an, dass du dir nun wirklich kaum Chancen ausrechnest, bekommst aber kurz darauf trotzdem eine Einladung nach Genf. Diesmal zu einem Gespräch mit richtigen Menschen. Dort sollst du als einer von vier Bewerbern in der Endauswahl an einem Assessment-Centre teilnehmen. Allein deshalb kannst du dir eigentlich schon auf die Schulter klopfen.

Jetzt stehst du hier in den heiligen Hallen und kommst mit einer Mitbewerberin ins Gespräch, die gleich nebenan wohnt. Ihr geht zusammen durch das hauseigene Museum, in dem du dich enthusiastisch über die Ausstellung äußerst. Ihr gelangweiltes Achselzucken zeugt von weit weniger Interesse für die wissenschaftlichen Errungenschaften der Organisation, dafür erzählt sie dir aber gleich offenherzig, dass sie über ihre Eltern zu dieser Stelle gefunden hat, die beide für die Organisation tätig waren. Deine Stimmung ist in Anbetracht der Offenbarung zwar jetzt leicht angeschlagen, auch die offensichtliche Bekanntheit der gelangweilten Mitbewerberin mit der Diversity Officerin indischen Ursprungs trägt dazu bei. Aber das Bewerbungsgespräch verläuft trotzdem gut, die Leute sind freundlich und stellen interessierte Fragen. Auch die beiden anderen Kandidaten, zwei hoch qualifizierte und mit tollen Referenzen ausgestattete Finnen, sind freundlich kollegial und ihr tauscht alle Vier Kontakte aus.

Nach den angekündigten zwei Wochen Entscheidungsfrist, gibt es weit und breit kein Lebenszeichen zum Ausgang deiner Bewerbung. Nochmal einige Wochen später erfährst du es über ein Email der finnischen Mitbewerberin. Sie gratuliert darin dem- oder derjenigen Auserwählten zum neuen Job, nachdem sie telefonisch nachgefragt hat. Wer jetzt eine Überraschung erwartet, wird enttäuscht.

Auch enttäuscht wird, wer den Anstand erwartet, Bewerbern nach all der investierten Zeit und den Mühen einer solch aufwendigen Bewerbung die Entscheidung direkt mitzuteilen. Aber zumindest für die Bewerberauswahl sollte man Verständnis zeigen: Wenn man den GANZEN TAG auch noch inhaltlich mit Diversity zu tun hat, möchte man wahrscheinlich um sich herum einfach ein bisschen weniger Vielfalt. Das erleichtert die Kommunikation und reduziert das Reibungspotential.

 

2 Gedanken zu “Wie es um Diversity in Diversity-Jobs steht

  1. Oh je, oh je. Unglaublich wie viel „Aufwand“ du betreiben musstest, um so weit zu kommen wie du gekommen bist. Das ist wirklich frustrierend. Leider scheint es tatsächlich heutzutage so zu sein, dass man mit Vitamin B viel weiter kommt als mit der eigenen Leistung. Und eine vernünftige Absage (falls man nicht genommen wird) gehört in jedem Fall dazu.

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