Wirtschaftssektoren – es müssen nicht immer Dienstleistungen sein

Ihr könnte euch bestimmt noch an die berühmte Tortengraphik aus der Schule erinnern: die Wirtschaftssektoren. Der Primärsektor (Landwirtschaftssektor), der Rohstoffe zur Verfügung stellt, wie z.B. über die Ernte landwirtschaftlicher Erzeugnisse oder Holzabbau in der Forstwirtschaft. Der Sekundärsektor (Industrieller Sektor), der diese Rohstoffe weiterverarbeitet und zu welchem sowohl handwerkliche als auch industrielle Produktion sowie Baugewerbe, Wasser- und Energieversorgung gezählt werden. Und der Tertiärsektor (Dienstleistungssektor), dessen typische Vertreter, Rechtsanwälte, Steuerberater, Handel, Versicherungen, Banken, Unternehmensberater, u.v.m. sind.

Und, wie war das noch? Viel Landwirtschaftssektor innerhalb der Torte ist schlecht, das ist so bei unterentwickelten Ländern der Dritten Welt. Und weniger Landwirtschaft, aber dafür mehr Industrie ist besser, denn das sind dann die sich entwickelnden Schwellenländer. Das Nonplusultra jedoch ist ein möglichst großer Anteil des Dienstleistungssektors.

Aber das Beste an dieser Torte war nicht ihr Geschmack, sondern, dass wir bei den Gewinnern waren, jenen, zu denen alle anderen erstmal aufrücken mussten. Toll, oder?

In Österreich lag im Jahr 2014 der Anteil der Landwirtschaft an der Bruttowertschöpfung zwischen 1-2%, die Industrie trug zu etwa 28% bei und der Dienstleistungssektor war für 70-71% der Wertschöpfung verantwortlich. Im gleichen Jahr lag in Indien der Beitrag der Landwirtschaft zum BIP bei 17%, jener der Industrie bei 30% und jener der Dienstleistungen bei 53%. Es gibt offensichtlich einen Zusammenhang zwischen den Wirtschaftssektoren und dem Entwicklungsstand eines Landes. Nur, in welche Richtung geht dieser Zusammenhang? Vielleicht impliziert die Existenz bestimmter Dienstleistungssektoren ein dermaßen hohes Niveau an wirtschaftlicher Tätigkeit und Gemeinwohl, dass man sich anderen, weniger grundlegenden Problemen als Energieerzeugung und Hungerbekämpfung widmen kann. In diesem Fall setzen also Dienstleistungen einen funktionierenden landwirtschaftlichen und produzierenden Sektor voraus.

Biotechnologien, Forschung, Entsorgungs- und Abfallwirtschaft sind auch Beispiele innerhalb des Tertiären Sektors, deren Wichtigkeit niemand absprechen möchte, genauso wenig wie medizinische Dienstleistungen. Ob diese jedoch gemeint sind, wenn man von einer Stärkung des Dienstleistungssektors spricht, wage ich zu bezweifeln. Blickt man jedenfalls auf Finanzzentren wie beispielsweise London, in denen der Anteil des Dienstleistungssektors sogar über 90% liegen soll, stellt sich die Sinnhaftigkeit eines stetig wachsenden Dienstleistungssektors jedenfalls sofort in Frage. Bei der Anzahl an Rechtsanwälten und Steuerberatern, deren Notwendigkeit zu einem großen Teil darin begründet ist, künstlich verkomplizierte Juristensprache und aufgeblasene Steuerregelungen zu durchschauen und den zahlreichen Unternehmensberatungen, die nur in den seltensten Fällen wirklich substantielle Veränderungen bringen, muss man sich auch fragen, ob die Entwicklung noch in die richtige Richtung geht oder wir den Bogen nicht schon lange überspannt haben.

Denn gleichzeitig mit dem Wachstum des Tertiären Sektors wandert die Industrie seit Jahren ab, um im Ausland, z.B. in Asien, billig produzieren zu lassen. Anstatt einer sinnvollen Ergänzung von existierenden Landwirtschafts- und Industriesektoren findet eine Verdrängung zugunsten Dienstleistungen statt. Man lässt viel eher machen als es selbst zu tun. Wir wissen alles nur mehr theoretisch. Damit geht nicht nur eine Menge Know-How verloren, sondern werden auch Abhängigkeiten geschaffen.

Welchen Mehrwert hat darüber hinaus eine Ökonomie, die zwar ihre Bevölkerung nicht mehr selbst ernährt, dafür aber eine tolle Performance in Nahrungsmittelspekulation hinlegt? Wir sind so abgehoben, dass wir zwar nicht mehr wissen, wie man essbare Pflanzen anbaut, dafür aber andere darin belehren, wie sie ihre Prozesse in der Nahrungsmittelproduktion optimieren sollen.

Wieso also nochmal möchte man besonders viel Dienstleistungsanteil an seinem Wirtschaftsportfolio? Geht es nicht eher um eine Ausgewogenheit zwischen den Wertschöpfungsstufen der verschiedenen Sektoren? Wäre es das erklärte Ziel von allen Ländern, den Landwirtschaftanteil ihrer Bruttowertschöpfung auf unser Niveau zu reduzieren, sähen wir jedenfalls bald ziemlich arm aus. Und eben auch abgemagert.

 

 

 

 
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/217604/umfrage/anteile-der-wirtschaftssektoren-am-bruttoinlandsprodukt-oesterreichs/

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/170838/umfrage/anteile-der-wirtschaftssektoren-am-bruttoinlandsprodukt-indiens/

https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftssektor#cite_ref-1

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